seilbahn.net | Themenbereiche | Wirtschaft | 2020-03-19

Ischgl: Offener Brief von Günther Zangerl, Vorstand der Silvrettaseilbahn.

Der offene Brief im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Auch in Zeiten, in denen die Welt, zumindest aber das ganze Land und die Republik zusammenhalten sollten, scheinen für einige Sündenböcke immer noch gelegen zu kommen. Ein derartiger Sündenbock ist aktuell Ischgl im Paznaun. Die Schlagzeilen könnten reißerischer nicht sein: „Virenschleuder Europas“ ist noch eine der harmloseren, die derzeit vor allem in den sozialen Medien kursieren, letztlich halten sich aber auch vermeintlich seriöse Medien nicht mit massiver Kritik an Behördenversagen und Krisenmanagement zurück.

Mehr oder weniger direkt wird uns jetzt unterstellt, aus Profitgier die Ansteckung hunderter Menschen mit dem Coronavirus und dessen anschließende Verbreitung billigend in Kauf genommen zu haben. Den seit Wochen, speziell aber in den letzten Tagen rund um die Uhr unter Hochdruck arbeitenden Gesundheitsbehörden wird offen Versagen bzw. Vertuschung vorgeworfen.

Es können sich wohl die wenigsten nur ansatzweise vorstellen, was es für Entscheidungsträger bedeutet, eine bis dahin äußerst erfolgreiche Skisaison vorzeitig zu beenden und damit – in unserem Fall – hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des eigenen Unternehmens, in letzter Konsequenz aber große Teile der Wirtschaft einer ganzen Region in eine massive Unsicherheit zu stürzen, in Einzelfällen wohl auch in ihrer wirtschaftlichen Existenz zu gefährden. Vor dieser Entscheidung standen wir bzw. die Gesundheitsbehörden auf Landes- und Bezirksebene vor einer Woche.

Zu diesem Zeitpunkt waren bekanntlich die ersten positiv auf COVID-19 getesteten Fälle in Ischgl aufgetaucht und auch schon behördliche Einschränkungen verfügt worden. Wir haben diese Anordnungen selbstverständlich mitgetragen und unternehmensintern weitere Beschränkungen verfügt. Durch die Absonderung von weiteren Verdachtsfällen schien der Gefahr einer Weiterverbreitung wirksam begegnet, der Gesundheitsschutz für Einheimische, Gäste und Mitarbeiter somit vorerst gewährleistet.

Dennoch war klar, dass die Wintersaison nicht mehr zu retten sein wird und es primäres Ziel sein muss, am Wochenende keinen Gästewechsel mehr zuzulassen. Eine geordnete Abreise der Gäste zum Wochenende hin schien im Hinblick darauf, rechtzeitig alle dafür notwendigen Vorkehrungen treffen zu können und keine Panik zu verbreiten, die beste Lösung. Dies mit dem seinerzeitigen Wissensstand um Ansteckungszahlen und vor allem hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit einer übertragung des Virus. Dass sich die Ereignisse im Anschluss daran derart überschlagen würden, war zu diesem Zeitpunkt nicht ansatzweise abzusehen.

Nach den dramatischen Entwicklungen der nächsten Tage und mit Wissenstand heute wäre eine Quarantäne wohl bereits bei Aufkommen des ersten leisesten Verdachtes auf einen Erkrankungsfall die effizienteste Maßnahme zu Eindämmung einer Weiterverbreitung des Virus gewesen (dies vor dem Hintergrund, dass der räumliche Geltungsbereich und die Eingriffsintensität entsprechender Maßnahmen in der Folge nahezu im Stundentakt verschärft wurden). So zumindest sehe ich das.

„Halten wir daher zusammen und seien wir solidarisch"

Dafür hätten die Gesundheitsbehörden nach dem Epidemiegesetz angesichts der zu diesem Zeitpunkt bekannten Fakten aber gar keine rechtliche Handhabe gehabt, zumal derart einschneidende Maßnahmen in einem Rechtsstaat ja immer noch verhältnismäßig sein müssen.

Bevor Sie daher vorschnell (ver)urteilen, versetzen Sie sich abschließend bitte kurz in die Lage eines Behördenvertreters, „Liftkaisers“ oder sonstigen Entscheidungsträgers und fragen sich ehrlich, ob sie selbst eine solch weitreichende Entscheidung mit all ihren Konsequenzen auf Basis von zu diesem Zeitpunkt noch unbestätigten Vermutungen getroffen hätten. Nur in diesem Fall hätten Sie im Nachhinein alles richtiggemacht.

Ischgl und auch allen anderen von dieser – bis vor wenigen Tagen noch unvorstellbaren – Krise betroffenen Regionen wäre in Zeiten wie diesen mit Solidarität jedenfalls weit mehr geholfen als mit den aktuell in einigen Kreisen kursierenden Anschuldigungen. Jetzt gilt es, gesund zu bleiben und die Ausbreitung des Virus wirksam zu verhindern.

Halten wir daher zusammen und seien wir solidarisch – wenn wir diese Krise gemeinsam überstanden haben, werden wir Ischgl als starken Motor für die Wirtschaft in unserer Region und darüber hinaus wieder brauchen.

Mit freundlichen Grüßen
Günther Zangerl, Vorstand der Silvrettaseilbahn AG


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Kommentare:
Gigi | 2020-03-25 | 14:39
Ich kann Herrn Freese nur vollumfänglich recht geben: Nach dieser Katastrophe MUSS es harte Konsequenzen geben: Sofortige Rücktritte aller an diesem Irrsinn politisch Verantwortlichen - allen voran der inkompetente und überforderte Landeshauptmann Platter - , strafrechtliche Konsequenzen für gastronomische Betreiber und Pächter und dauerhafte Schließung aller touristischen Einrichtungen.
Thomas Lödl | 2020-03-22 | 17:39
Sehr geehrter Herr Freese, Was ich in Ihrem durchaus ausführlichen Kommentar vermisse, ist die Einräumung der Möglichkeit, dass auch ein Gast den Virus ins Tal eingeschleppt haben könnte! Bis vor kurzem hatten wir ja auch noch die von der EU so hochgelobten Personenfreizügigkeit innnerhalb der Schengengrenzen! Ich weis ja nicht, wie gut Sie in Geographie sind - ich darf darauf hinweisen, dass Ischgl gerade mal 1 Autostunde von der nächstgelegenen Grenze zu Italien, dem momentan am stärksten betroffenen Land, entfernt ist (Reschen Pass)! Wie wärs, wenn Sie mal die Verantwortung auch wo anders zu suchen beginnen? Sehr viele Gäste kommen wegen dem "Alpen Ballermann" zu uns! Selbst als die Behörden, unmittelbar nach Kenntnis der Lage das Kitzloch und unmittelbar danach auch die anderen Apres Ski Lokale behördlich geschlossen haben, sind viele Gäste auf andere Lokale ausgewichen, sind dort dicht aneinandergeklebt und haben gefeiert, gesoffen und so getan als wäre nichts, waren dann am nächsten Tag im Skigebiet unterwegs und haben unter Umständen Kollegen in den Berg Restaurants und an den Seilbahn- und Liftanlagen gesundheitlich gefährdet - mich eingeschlossen! Bis zum vorletzten Betriebstag waren die Dorfstraße und die dort befindlichen Lokale gesteckt voll - der ideale Platz zur gegenseitigen Ansteckung! Finden Sie das etwa verantwortungsvoller, Herr Freese??? Einfach zum Nachdenken, bevor weiter auf uns geschimpft wird, wie wär das? Mit freundlichen Grüßen Thomas Lödl
sven freese | 2020-03-21 | 14:33
Sehr geehrter Herr Zangerl, ich habe mit großer Verwunderung Ihren offenen Brief zur Kenntnis genommen. Folgende Stellungnahme und logische Abfolge von mir: 1. Selbstverständlich ist es im Nachhinein einfacher eine andere Entscheidung zu fordern, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen, dessen ist sich jeder bewußt. 2. Wenn man zum Entscheidungszeitpunkt aber Fakten ignoriert bzw. nicht sehen möchte, kann auch keine korrekte Entscheidung getroffen werden. 3. Sie referenzieren in Ihrem Brief leider nur auf den wirtschaftlichen Schaden, aufgrund dessen eine Schließung für sie nicht tragbar war 4. Somit haben Sie bewusst die körperliche Unversehrtheit Ihrer Gäste, deren Familien und Umfeld in Kauf genommen 5. In der Konsequenz stellen Sie den wirtschaftlichen Schaden Ihrer Region über den möglichen Tod von Gästen oder deren Angehörigen Meiner Meinung nach muß eine solche Einstellung folgende Konsequenzen haben: 1. Ihren direkten Rücktritt, weil Sie leider für eine Funktion in der Menschenleben geschützt werden müssen charakterlich nicht geeignet sind 2. Strafrechtliche Konsequenzen für die Entscheidungsträger, die an den Entscheidungen beteiligt waren Da ich selbst ein betroffener bin, der sich aufgrund Ihres und des Verhaltens anderer in Ihrer Umgebung infiziert hat ergeben sich für mich weiter Konsequenzen: 1. Ich werde Ischgl nie wieder als Skigebiet aufsuchen 2. Ich werde dauerhaft jeden vom Besuch dieses Gebietes abraten und dies überall entsprechend kommunizieren, dass hier Menschenleben weniger zählen als wirtschaftliche Interessen. Obwohl Sie laut Ihrer Argumentation sehr berechnend erscheinen, möchte ich doch noch eine kleine Rechnung für Sie aufmachen. Ausgehend von den aktuellen Zahlen, die wir in Nordeuropa haben, ist Ischgl teilweise für eine Quote von 40 % der Infektionen direkt und somit auch für die weitergehenden Infektionen verantwortlich. Sie werden den Wert anzweifeln, somit halbieren wir ihn einfach auf 20 %. In der Konsequenz bedeutet dies, dass 20 % der Todesopfer aufgrund der Corona Infektionen der nordeuropäischen Länder auf das Konto der wirtschaftlichen Betrachtung von Ihnen und weiterer Entscheidungsträger geht. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Ihr Geld ihnen hilft, jeden einzelnen verstorbenen Menschen zu vergessen – die betroffenen Familien werden diese wohl nie und auch auf ewig Ischgl damit in Verbindung bringen – zu recht. Mit freundlichen Grüßen, Sven Freese.
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