Untitled Document

seilbahn.net | Themenbereiche | Beschneiung | 2017-11-08

Heftige Diskussion über Beschneiungsstudie

Studie der JOANNEUM RESEARCH zeigt, dass künstliche Beschneiung auch positive Klimaeffekte bringt / Wissenschaftler der UNI Innsbruck kritisieren die Wissenschaftlichkeit sowie das Ergebnis der Studie.

In seiner Studie „Die Klima- und Energiebilanz von Skigebieten mit technischer Beschneiung unter Berücksichtigung des Albedo-Effektes“, die im Mai 2017 veröffentlicht wurde, hat LIFE – Zentrum für Klima, Energie und Gesellschaft der JOANNEUM RESEARCH Forschungsgesellschaft mbH die klimatischen Auswirkungen der künstlichen Beschneiung von Pistenflächen zweier österreichischer Bundesländer (Steiermark und Tirol) untersucht. 

„Erstmals wurde bei dieser Studie der positive, abkühlende Klimaeffekt durch erhöhte Rückstrahlung auf weißen Oberflächen (Albedo) dem negativen, klimaerwärmenden Effekt durch zusätzliche CO2Emissionen (Energieverbrauch) gegenüber gestellt“, erklärt Mag. Dr. Franz Prettenthaler, M.Litt, Direktor des Zentrums LIFE. „Die Ergebnisse der Klima- und Energiebilanz erstrecken sich auf den Zeitraum zwischen 1980 und 2016 mit einer Vorausschau bis zum Jahr 2030. Für diesen Zeitraum weist die Studie einen positiven Netto-Klimaeffekt aus. Damit das auch in ferner Zukunft so bleibt, ist aber essentiell, dass die Beschneiung noch weitgehender und so rasch wie möglich zu 100 Prozent mit CO2-neutralem Strom erfolgt.“ Derzeit profitiere die Bilanz auch durch die stetig wachsende Pistenfläche, die beschneit wird und ansonsten keine Schneebedeckung hätte. 

Zum Einsatz kam im Rahmen der Studie der Ansatz des so genannten „Radiative Forcing“, zu Deutsch „Strahlungsantrieb“. Bei der Verwendung dieses Ansatzes wird für jedes Jahr der aktuelle Strahlungsantrieb ermittelt und zwar einerseits der im jeweiligen Jahr wirksame abkühlende Albedoeffekt und der wärmende Effekt aller CO2-Emission aus Beschneiung vor und inklusive dieses Jahres. Die Verweilzeit eines CO2-Moleküls in der Atmosphäre und der daraus resultierende weitere jährliche Strahlungsantrieb wird daher für jedes Jahr mitberücksichtigt. Auch der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen) arbeitet seit 2013 mit diesem Ansatz. Zuvor wurde in IPCC-Berichten das Treibhauspotenzial (GWP Global Warming Potential) als Messgröße angegeben. 

Sowohl beim „Radiative Forcing“-als auch beim „GWP“-Ansatz wird berücksichtigt, dass sich die Klimawirksamkeit von CO2-Emissionen über viele Jahre, Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte erstrecken kann. Dies wirkt sich auch in der aktuellen Studie deutlich aus und verringert den kühlenden Effekt bis 2030 deutlich. Das Modell könnte auch weiter in die Zukunft ausgedehnt werden, allerdings fehlen dazu Daten und so müssten die weiteren Berechnungen auf vielen Annahmen basieren. So ist zum Beispiel unklar, welcher Strom-Mix in Zukunft verwendet wird und es gibt auch noch große Unsicherheiten darüber, welche Pistenflächen künftig gar keine natürliche Schneebedeckung mehr haben werden. Somit ist derzeit nicht seriös beantwortbar, ob die Klimawirkung der künstlichen Beschneiung auch am Ende des Jahrhunderts noch positiv sein wird. Wenn allerdings die Umstellung auf CO2-neutralen Strom von der Branche weiterhin konsequent vorangetrieben wird und die Beschneiung somit rasch vollkommen CO2-frei erfolgt, kann langfristig ein dauerhaft abkühlender Effekt erzielt werden. 

Derzeit laufen noch weitere Untersuchungen, auch eine direkte Messung des Albedo-Effektes mittels Satellitentechnologie. Im Zuge der laufenden Berechnungen hat sich auch gezeigt, dass der Gesamteffekt auch dann deutlich positiv bleibt, wenn die indirekten CO2-Emissionen, die zum Beispiel für die Erzeugung des Stahls der Schneekanonen und Leitungen anfallen oder aber auch die Emissionen der Pistenraupen miteinbezogen werden. Der bisher beobachtete positive Strahlungseffekt von 1,6 tCO2/ha/Jahr reduziert sich dadurch nur um 0,1 tCO2/ha/Jahr auf 1,5 tCO2/ha/Jahr. Der positive Nettoeffekt wird auch nicht durch den so genannten „Canyon“-Effekt umgedreht. Wenn man also die Reflexion der Sonnenstrahlen auf die teilweise an die Skipisten angrenzenden Waldstücke, die den Albedo-Effekt verringern, berücksichtigt, bleibt noch immer ein positiver Netto-Effekt von 1,0 tCO2/ha/Jahr. „Unsere aktuellen Berechnungen zeigen daher, dass auch unter Einbeziehung all dieser Komponenten der Effekt bis 2030 noch immer klar im kühlenden Bereich liegt“, so Prettenthaler. 

„Über eine weitergehende konstruktive Zusammenarbeit mit anderen Forschungsinstituten zu dieser Thematik würden wir uns sehr freuen, um auch in Zukunft gemeinsam an dieser innovativen und interessanten Fragestellung weiterzuarbeiten. Bestimmt wäre es höchst interessant, überhaupt eine vollständige Klimabilanz des Skifahrens aber auch anderer alternativer Winterurlaubsziele zu erstellen. Faktum ist, dass in einer solchen Bilanz die Beschneiung auf der Positivseite zu verbuchen ist. In einem solchen Projekt könnten aber weitere Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie eine Skiregion ihren CO2-Fußabdruck in Summe verbessern könnte und wo dabei die wichtigen Kenngrößen und Stellschrauben liegen“, erklärt der Direktor des Zentrum LIFE abschließend.

Franz Hörl:

„Damit liefert die Wissenschaft einen wichtigen sachlichen Aspekt in einer massiv ideologisch geprägten Diskussion“, betont Franz Hörl, Obmann des Fachverbandes der österreichischen Seilbahnen in der WKÖ. Umso wichtiger sei dieser klimatisch relevante Aspekt auch mit Blick auf die bestehenden Vorurteile und Missverständnisse betreffend Schneeerzeugung. 

 „Noch immer wird vergessen oder ignoriert, dass für die Beschneiung der österreichischen Skipisten weniger Energie als für den Betrieb eines einzelnen mittleren Industrieunternehmens aufgewendet wird“, erklärt Hörl. Zudem stamme die für die technische Beschneiung benötigte Energie zum Großteil aus erneuerbaren Quellen und meist aus der eigenen Region. 

 „In diesem Sinne sind die Seilbahnen ein Vorzeigemodell bei der Schonung natürlicher Ressourcen, das anderen Branchen durchaus als Vorbild dienen kann“, so Hörl. Österreich sei mit einem Anteil von mehr als 85 Prozent an erneuerbarer Energie auch im internationalen Vergleich ein echter „Nachhaltigkeits-Weltmeister“.

Wissenschaftler der UNI Innsbruck kritisieren Studie

Offene Fragen zum Einfluss der Beschneiung auf das Klima

Eine Überprüfung der Studie durch die Universität Innsbruck hat ergeben, dass diese Erkenntnis aus der Studie nicht ableitbar ist, weil wesentliche Faktoren zur Beantwortung der Fragestellung nicht berücksichtigt wurden.

In einem Pressegespräch beleuchteten Wissenschaftler der Universität Innsbruck offene Fragen zu der Studie, deren Ergebnis am 26. Mai 2017 präsentiert wurde. Sie stellten jene Faktoren vor, die zur seriösen Beantwortung der Fragestellung, welchen Effekt die künstliche Beschneiung auf das Klima hat, zu klären sind und zeigten kooperative Handlungsoptionen auf, die – koordiniert durch das Schneezentrum Tirol – dazu beitragen können, die noch offenen Fragen zu beantworten.
 
Georg Kaser, Professor am Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften, übt nach eingehender Auseinandersetzung mit der Studie des Joanneum Kritik an der Vorgehensweise: „Besonders kritisiere ich das Fehlverhalten im wissenschaftlichen Arbeiten. Wissenschaft hat keine Gesetze, die man einfordern kann, wohl aber existiert ein Kodex des wissenschaftlichen Arbeitens, der in der vorgelegten Studie nicht eingehalten wurde. Ergebnisse müssen vor der Veröffentlichung durch Begutachtungen geprüft werden, um dann in weiterer Folge auch fachlichen Kontrollen standhalten zu können. Dazu müssen Datengrundlagen und Berechnungsmethoden der wissenschaftlichen Gemeinde nachvollziehbar zugänglich gemacht werden. Dieser Schritt wurde in der besprochenen Studie leider nicht unternommen. Wir sind offen für den wissenschaftlichen Dialog, allerdings nur unter Einhaltung der wissenschaftlichen Standards auf allen Seiten.“
 
Wolfgang Gurgiser, Koordinator des Forschungsschwerpunkts „Alpiner Raum – Mensch und Umwelt“, führt die inhaltlichen Kritikpunkte an der Joanneum-Studie näher aus: „Die Autoren der Studie machen einen kühlenden Effekt fest – den Albedo-Effekt, also die Reflektion der Schneedecke – und einen wärmenden – den Stromverbrauch bzw. dessen CO2-Bilanz. Den Albedo-Effekt schätzen sie vier Mal so hoch ein wie den der Stromproduktion und kommen so zum vermeintlichen Schluss, dass Schneekanonen für das Klima positiv seien. Aber nicht nur ist die Basis dieser Aussage völlig unklar, die Steirer Kollegen berücksichtigen auch weder den langfristigen Effekt, den der CO2-Ausstoß auf das Klima hat, noch weitere Faktoren, die mit der Beschneiung unmittelbar zusammenhängen: Etwa, dass Infrastruktur errichtet und gewartet werden muss, damit man überhaupt beschneien kann – das stößt alles CO2 aus –, oder die Energieabstrahlung der Erdoberfläche, die bei Schneebedeckung einen kühlenden Effekt auf die Umwelt hat. Welche Auswirkung die Beschneiung auf das Klima hat, kann deshalb derzeit niemand seriös beantworten.“
 
Laut Michael Rothleitner, dem Leiter des Schneezentrums Tirol, ist es im Interesse vieler, zu wissen, wie es mit dem Wintersport weitergeht. Aus diesem Grund zeigte er sich erfreut über den Anstoß, den die Studie der Joanneum Research Forschungsgesellschaft mbH gegeben hat, denn dadurch wurde seiner Ansicht nach eine wertvolle Diskussion in Gang gesetzt. „Noch dankbarer bin ich dafür, dass diese Fragestellungen nun von Wissenschaftlern seriös untersucht werden und wir uns gemeinsam darüber Gedanken machen können, wo die Handlungsoptionen für die Zukunft liegen“, so Rothleitner. Als Beispiele nannte er die Verbesserung des Schneemanagements sowie die Grundlagenforschung auf technischer Ebene.


Zurück
Fotos hinzufügen
Kommentieren
Drucken
Email




´