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seilbahn.net | Themenbereiche | Wirtschaft | 2018-11-15

Projekt TITLIS 3020

Herzog & de Meuron und die TITLIS Bergbahnen präsentierten das Projekt TITLIS 3020 mit dem Ausbau des Richtstrahlturms inklusive Zugangsstollen, dem Neubau der Bergstation sowie der zweiten Bahn Stand – TITLIS. 

Mit seinem über 3000 Meter hohen Gipfel gehört der Titlis zu den international bekanntesten Tourismusdestinationen der Schweiz. Im Sommer zieht er Touristen aus der ganzen Welt an, die auf dem Gipfel die überwältigende Bergwelt erleben wollen. Im Winter ist er zudem Teil des Skigebiets Engelberg und eine wichtige Destination für Wintersportler. Über eine Million Gäste besuchen den Berg jährlich, in Spitzenzeiten sind bis zu 2000 Besucher gleichzeitig auf dem Gipfel. Die bestehende Infrastruktur wurde nicht für diese Besucherströme konzipiert und stösst an ihre Kapazitätsgrenzen.

Die Bergstation der Seilbahn (Rotair) wurde im Jahr 1967 erbaut und seither mehrmals erweitert und umgebaut – entstanden ist ein bauliches Konglomerat. Gedrängte Menschenmengen in der Abfahrtshalle und unklare Orientierung lenken vom eigentlichen Gipfelerlebnis ab und bringen die Bergstation hinsichtlich Sicherheit und Entfluchtung an ihre Grenzen.

In rund 200 Metern Entfernung von der Station steht ein 50 Meter hoher Richtstrahlturm. In den 1980er Jahren von der PTT mit grossem Aufwand gebaut, konnte er vor einigen Jahren durch die Bergbahnen erworben werden, nachdem er wegen der technologischen Entwicklungen grösstenteils obsolet geworden war. Der Turm wird weiterhin für Antennenanlagen genutzt. Diese befinden sich im obersten Bereich, weshalb eine touristische Nutzung in den unteren Bereichen möglich wird. Der Richtstrahlturm ist mit einem unterirdischen Stollen direkt mit der Bergstation verbunden.

Herzog & de Meuron wurde 2017 damit beauftragt, im Rahmen eines Masterplans für den gesamten Gipfel die Bergstation zu erneuern, den Richtstrahlturm touristisch zu aktivieren und den Verbindungsstollen aufzuwerten. Eine eingehende Untersuchung des Bestands der Bergstation, nicht zuletzt des Tragwerks, zeigte, dass ein Umbau die drängenden Probleme der Zirkulation und der Orientierung nur in ungenügendem Mass und unter überproportionalem Aufwand verbessern kann. Aufgrund dieser Erkenntnisse wird die Bergstation durch einen Neubau ersetzt. Die bestehende, technisch hochwertige Seilbahninfrastruktur bleibt erhalten. Der Neubau wird um die bestehende Bahn herum gebaut.

Turm 
Der Richtstrahlturm verfügt über eine ausgesprochen rigide Stahlstruktur. In dieses gegebene technische Bauwerk werden zwei balkenartigen Gebäudevolumina – mit der gleichen industriellen Stahlbautechnik – eingefügt. Dadurch entsteht eine ikonische kreuzförmige Figur und der Turm wird vom ursprünglichen Infrastrukturbauwerk zu einem weithin sichtbaren Zeichen transformiert. Diese beiden sich kreuzenden Balken sind verglast und beherbergen verschiedene Programme wie Bar, Lounge und Restaurant. Insgesamt bietet der Turm Raum für 330 Sitzplätze, verteilt über die beiden Hauptgeschosse. 
Zusätzlich zu den beiden Balken, werden die bestehenden vier Vertikalträger um vier Erschliessungsstrukturen erweitert. Diese helfen einerseits die erhöhten Lasten abzutragen und nehmen andererseits die Lifte und Treppen auf. Eine grosszügige Liftlobby im heutigen Betonsockel ermöglicht den direkten Zugang zum Turm vom Gletscher aus. Der Sockel ist tief im Felsen gegründet und schliesst dort an den unterirdischen Verbindungsstollen zur Bergstation an. Damit wird eine direkte, wettersichere Anbindung möglich. 

Stollen 
Im Gegensatz zur Weite der Bergwelt bietet sich dem Besucher hier eine Atmosphäre geprägt durch die Dichte und Schwere des Felsens. Die Besucher sollen fühlen, dass sie sich mitten im Berg befinden. Gemeinsam mit der Eisgrotte, die den Gletscher von innen her erlebbar macht, eröffnet der Stollen die Möglichkeit, den Berg aus einer neuen Perspektive zu begreifen. 

Bergstation 
Wie ein flach wachsender Kristall entwickelt sich die Bergstation aus dem Berg heraus. Sie wird zu einer geologischen Struktur, die sich kanzelartig aus dem Gletscher herausschiebt und deren Silhouette gleichsam niedrig bleibt. Die bestehende, in das neue Gebäude integrierte Seilbahn gleicht einer Inklusion, wie man sie bei Kristallen findet. Strukturell verwandt mit dem Turm bildet die Station einen horizontal liegenden Körper und tritt dadurch nicht in Konkurrenz zu dessen Zeichenhaftigkeit. Ähnlich dem Turm bildet ein Stahlrahmen ein strukturelles und zugleich formgebendes Gerüst. Der Rahmen spannt einen hallenartigen Innenraum auf, der ein neues Zentrum innerhalb der Bergstation schafft. So entsteht ein Raum, um auf dem Berg anzukommen und sich zu orientieren. Die Bewegung innerhalb der Bergstation nimmt die Topografie des Ortes auf. Eine geneigte Ebene schiebt sich in die Halle und verbindet das Perrongeschoss über Rolltreppen mit dem höher liegenden Ausgang zum Gletscher. Die Ebene setzt sich weiter nach unten fort und mündet in einem Rundgang unterhalb der Seilbahnstation, der den Gästen den bis anhin versperrten Ausblick nach Westen eröffnet. Im obersten Geschoss der Bergstation befinden sich zwei Gruppenrestaurants, sowie ein Selbstservicerestaurant mit insgesamt rund 550 Sitzplätzen. Die unteren Geschosse um die zentrale Halle beherbergen die bereits heute bestehenden Souvenirläden und führen die Besucher zurück zur Seilbahn.

HERZOG & de MEURON: „In der Schweiz gibt es auf vielen Bergen und Gletschern, so gipfelhoch und entlegen sie auch erscheinen, Aussichtspunkte, Bergstationen, Alphütten, Restaurants und Übernachtungsmöglichkeiten. Für die Schweizer ist es selbstverständlich, mit Auto oder Zug, Seilbahn oder Fahrrad quasi jeden Quadratmeter des Landes erkunden zu können. Irgendwo in Stadt oder Land. Meistens wurden aber die schönen Orte weit oben, in der freien Landschaft mit reinen Zweckbauten nur gerade so ausgestattet, um die Leute rauf und runter zu bringen und allenfalls zu verpflegen. Selten gab es eine architektonische Absicht dahinter, mit Ausnahme der frühen touristischen Fixpunkte der Hotellerie, welche aber alle in überschaubarer Höhe in der Nähe der Dörfer im Tal gebaut wurden.
Unser Projekt auf dem Titlis gehört nun zu einer neuen Generation von alpiner Architektur, welche versucht, dem Besucher dieser atemberaubenden Landschaft eine entsprechende architektonische Plattform anzubieten, so wie wir Alle dies in unseren Städten ja auch gewohnt sind. Dass die Bauherrschaft uns mit diesem Projekt beauftragt, freut uns nicht nur, weil wir wieder etwas bauen dürfen. Sondern weil das Projekt unsere langjährige, theoretische Auseinandersetzung mit dem Territorium der Schweiz anhand eines praktischen Beispiels veranschaulicht und ergänzt. Das Titlis Projekt ist Ausdruck eines unaufhaltsamen Transformationsprozesses, welcher die Schweiz zu einer zusammenhängenden, komplex ausdifferenzierten, urbanen Landschaft umformt. Die Frage ist nicht, ob wir das wollen, sondern wie gut und bewusst wir diesen Prozess begleiten, und wie sehr wir die Unterschiedlichkeit und Vielfalt der Landschaften dabei berücksichtigen. Es gibt in der Schweiz keine Stadt ohne Landschaft, aber eben auch keine Landschaft ohne urbanes Leben.“



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