seilbahn.net | Themenbereiche | Seilbahnen | 2026-03-26

Mountain Planet: Design als neuer Motor für Seilbahnmobilität in den Bergen

von Alexandre Bérard

In Skigebieten ebenso wie in den Tälern wird Design oft noch als ästhetisches „Extra“ wahrgenommen – manchmal sogar als Luxus. Die Kooperationen mit Herstellern von Seilbahnen wie POMA, MND, LEITNER oder Doppelmayr zeigen jedoch, dass Design im Gegenteil zu einem strategischen Hebel werden kann: für das Reiseerlebnis der Fahrgäste, für eine ressourcenschonendere Infrastruktur und für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit der Akteure in den Bergregionen.

Anlässlich seiner Ausgabe 2026 widmet sich Mountain Planet genau dieser Rolle des Designs in der Seilbahnmobilität und lässt Designer und Industrievertreter zu Wort kommen, die Design bereits als konkreten Motor der Transformation im Gebirge einsetzen.

Lange Zeit auf das Erscheinungsbild von Kabinen oder Stationen beschränkt, steht Design heute im Zentrum der Überlegungen zur Gestaltung von Berginfrastrukturen: Anpassung an das Klima, Ganzjahresnutzung, neue Nutzungsformen, wahrgenommene Qualität und Nachhaltigkeit.
Projekte von POMA – etwa bei der Seilbahn am Mont Faron oder der Standseilbahn Bourg-Saint-Maurice–Les Arcs – sowie die ORIZON-Kabinenserie von MND zeigen diesen Wandel hin zu Seilbahnsystemen, die zugleich technische Objekte, Erlebnisräume und Symbole eines Übergangs sind.

Ob urbane Seilbahnmobilität, Verbindungen zwischen Tal und Station oder klassische Skilifte: Designstudios wie Atelier Patrick Jouffret und Stellantis Design Studio stellen fest, dass Design in den Bergen noch immer untergenutzt ist.
Ähnlich wie Straßenbahnen zu urbanen Wahrzeichen geworden sind, könnten Kabinen und Standseilbahnen stärker die Identität von Regionen transportieren, den Umstieg auf nachhaltigere Verkehrsmittel fördern und eine ressourcenschonendere Vision der Raumgestaltung verkörpern.

Die nächste Entwicklungsstufe liegt nicht in immer spektakuläreren Formen, sondern in Modularität, Recyclingfähigkeit und Nutzungsangemessenheit.
Evolutive Strukturen, demontierbare Sitze für den Fahrradtransport im Sommer, natürliche Belüftung statt Klimaanlagen und langlebige Materialien: Design wird zu einem konkreten Mittel, um Infrastrukturen an kürzere Winter, an Zwei- oder Vierjahreszeitenbetrieb sowie an neue Mobilitätsformen und den steigenden Ressourcendruck anzupassen.

Design als Motor für Erlebnis und Landschaft

Für die Seilbahn Mont Faron in Toulon entschieden sich der Industriedesigner Patrick Jouffret und sein Team dafür, die historische rote Kabine zu bewahren, sie jedoch innen komplett neu zu gestalten.
Die Glasflächen wurden vergrößert, Polycarbonat durch Glas ersetzt, ein Bodenfenster ergänzt und die Verarbeitung besonders hochwertig ausgeführt. Dadurch wurde die Fahrt selbst zu einem Moment des Staunens über die Bucht und die Landschaft – bis hin dazu, dass die Seilbahn zu einer eigenen Attraktion geworden ist.
Ergebnis: Die Anlage gewann ihren Status als lokale Ikone zurück, und die Besucherzahlen vervierfachten sich nach der Modernisierung.

Bei der Standseilbahn Bourg-Saint-Maurice – Les Arcs in Savoyen folgte das Design einer ähnlichen Logik. Ein gläsernes Dach wurde als Aussichtspunkt über die Berge konzipiert – entstanden aus einer intensiven Analyse vor Ort und aus dem Fokus auf Panoramaerlebnisse statt formaler Gesten.
Das Atelier Patrick Jouffret ging dabei von einer einfachen Beobachtung aus:
„Das eigentliche Spektakel sind die Berge – über und hinter den Fahrgästen!“

Glasdach und Volumen, inspiriert von den Aussichtspunkten der Designerin Charlotte Perriand, öffnen die Sicht und den Raum und verwandeln eine reine Transportfahrt in eine immersive Reise durch die Landschaft.
Fahrerstand, modulare Innenräume (Sitze, Fahrradbereiche) und der Einsatz von Glas sind Teil eines ganzheitlichen Designprojekts, bei dem Nutzererlebnis, Bewegungsfluss an Bord und Produktlebensdauer wichtiger sind als bloßer Stil.

Wenn Produktdesign und Industriedesign zusammenfinden

Mit dem Programm ORIZON für Gondel- und Sessellifte beauftragte MND das Stellantis Design Studio mit der Entwicklung einer neuen Generation eines gesamten Systems aus Kabinen, Stationen und Skiliften – von Anfang an als komplettes „Produktsystem“ gedacht: Außendesign, Innenarchitektur, wahrgenommene Qualität, industrielle Prozesse und Kommunikation.

Mit ORIZON macht die Welt der Gondelbahnen einen qualitativen Sprung: Die Kabine wird als „einzigartiges Fenster zur Welt“ konzipiert und bietet dank optimierter Struktur und maximaler Verglasung eine der besten Aussichten auf dem Markt.

Die Identität von ORIZON – Name, Logo und grafische Sprache – greift dieses Konzept der Öffnung zur Landschaft auf. Gleichzeitig ist die Kabine bewusst als „weiße Leinwand“ gestaltet, auf der Betreiber von Skigebieten oder touristischen Standorten ihre eigene Identität über Farben und Grafiken ausdrücken können.

Die Teams des Stellantis Design Studios arbeiteten in mehreren Phasen:

Analyse von Nutzung und Kontext

internationale kreative Exploration

detaillierte Entwicklung

Dabei stützten sie sich sowohl auf die Automobil-Expertise von Stellantis (Passgenauigkeit, Spaltmaße, Oberflächenqualität, Fertigungstechnologien) als auch auf die Ingenieurskompetenz von MND.
Design wurde außerdem zum Bindeglied für neue industrielle Lösungen – etwa bei Materialien, Geweben, Montage oder Umformprozessen.

„Dank seines innovativen und erlebnisorientierten Designs wird ORIZON zukünftigen Kunden eine einzigartige Perspektive auf unsere wertvollen natürlichen und gebauten Umgebungen bieten.“
— Hugo Nightingale, Global Creative Director, Stellantis Design Studio

Nüchternheit, Modularität, Nachhaltigkeit: Design als Antwort auf den Klimawandel

Für Patrick Jouffret tritt das Design in den Bergen in eine neue Ära ein: eine Ära der Schlichtheit, Modularität und Recyclingfähigkeit statt großer, starrer Verbundstrukturen.
Sein Ansatz besteht darin, das Objekt „zu zerlegen“, um evolutive Strukturen zu entwickeln, die sich an Mehrsaisonnutzung, Klimaschwankungen und zukünftige Betriebsszenarien anpassen können – mit weniger Material, natürlicher Belüftung und Konstruktionen, die Demontage und Recycling erleichtern.

Beim Stellantis Design Studio geht Design über reine Form hinaus und integriert industrielle Robustheit, höchste wahrgenommene Qualität und Design-to-Cost.
Durch die Übertragung bestimmter Technologien und Know-how aus der Automobilindustrie – etwa beim Tiefziehen, bei präzisen Spaltmaßen oder beim Sitzdesign – konnten die Designer die Produktion der ORIZON-Kabine vereinfachen, ihre Qualität verbessern und eine Umsetzung nahe der ursprünglichen Designidee gewährleisten, während sie gleichzeitig in die energieeffiziente Monokabinen-/Monomotor-Philosophie von MND eingebettet bleibt.

Vom Objekt zum Territorium: eine globale Vision der Berggestaltung

Über die Kabinen hinaus vertreten beide Studios eine Sichtweise, in der Design als territoriales Gesamtprojekt verstanden wird.

Für das Atelier Patrick Jouffret muss ein gelungenes Bergdesign:

bescheiden und landschaftsrespektierend sein

die Geschichte der Orte berücksichtigen

gleichzeitig neue Erlebnisse bieten: immersive Reisen, neue Beobachtungsperspektiven, modulare Nutzung und Integration mit anderen Mobilitätsformen oder Ganzjahresaktivitäten.

Die Standseilbahn Les Arcs ist dafür ein Beispiel: ein ikonisches Objekt, das aus einem tiefen Verständnis von Zwängen, Nutzungen und Erwartungen im Kontext des Klimawandels entstanden ist.

Beim Stellantis Design Studio steht der Mensch im Zentrum des „Experiential Design“.
Design muss gleichzeitig den Anforderungen von Betreibern, Herstellern und Nutzern gerecht werden und Emotionen, Komfort, Sicherheit und industrielle Leistungsfähigkeit vereinen.

Die Designer sehen in der Bergwelt noch großes ungenutztes Potenzial:
Sicherheitsausrüstung, Interfaces, Beschilderung, Wartebereiche oder Ganzjahresinfrastrukturen könnten durch denselben Designanspruch klarere, inklusivere und umweltverträglichere Erlebnisse bieten.

Design als Partner der Berge von morgen

Angesichts klimatischer Herausforderungen, der notwendigen Investitionsnüchternheit und der Suche nach neuen Wirtschaftsmodellen für Bergregionen erscheint Design zunehmend als strategischer Hebel statt als dekorativer Überzug.

Durch seine Fähigkeit, Ingenieurwesen, Nutzung, Wirtschaft und Landschaft zu verbinden, kann Design öffentliche und private Akteure dabei unterstützen, anpassungsfähigere, attraktivere und nachhaltigere Infrastrukturen zu entwickeln – von Seilbahnen über urbane Kabelmobilität bis zu Sicherheitsausrüstung oder Ganzjahresfreizeitanlagen.

Die Hersteller zeigen bereits heute, dass Design ein aktiver Bestandteil der Transformation der Seilbahnmobilität ist.
Von der ikonischen Kabine des Mont Faron bis zum neuen System ORIZON beweisen diese Projekte, dass ein gut gestaltetes Seilbahnsystem das Nutzererlebnis verbessern, industrielle Prozesse optimieren und die klimatische Transformation der Bergregionen begleiten kann.

http://www.mountain-planet.com/







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